30 Jahre Peking – Weichenstellung für Gleichstellung weltweit

Ein Interview mit Claudia Lücking-Michel und Heidemarie Wieczorek-Zeul

Im September 1995 beschlossen die Vereinten Nationen in Peking ein wegweisendes Programm: Die Aktionsplattform der Vierten Weltfrauenkonferenz gilt bis heute als zentraler globaler Rahmen für die Verwirklichung der Rechte von Frauen und Mädchen. Sie ruft Staaten dazu auf, Gleichstellung in allen Lebensbereichen aktiv zu fördern – von Bildung über Arbeit bis hin zum Schutz vor Gewalt. Auch die Bundesstiftung Gleichstellung ist ein Ergebnis dieses internationalen Aufbruchs und der Forderung nach einer Stärkung institutioneller Gleichstellungspolitik: Sie wurde mit dem Ziel gegründet, die Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland zu stärken und zu fördern.

Eröffnungssitzung der Vierten Weltfrauenkonferenz in Peking

30 Jahre nach Peking: Gleichstellung bleibt eine Daueraufgabe

30 Jahre später ist viel erreicht – doch Gleichstellung ist in diversen Bereichen noch lange keine Realität. Der weltweite Rückblick auf die Aktionsplattform macht deutlich: Fortschritt ist möglich – aber nicht garantiert. Deshalb braucht es entschlossene Politik, starke Institutionen und eine laute Zivilgesellschaft.

Die Bundesstiftung Gleichstellung arbeitet dafür, die Vision der Pekinger Aktionsplattform Realität werden zu lassen. Während wichtige Fortschritte erreicht wurden, erleben wir zugleich neue und verschärfte Herausforderungen: Globale Krisen, digitale Transformationen und die ökologische Wende verändern Lebensrealitäten und verlangen nach geschlechtergerechten Lösungen. Gleichzeitig beobachten wir einen besorgniserregenden Backlash: Antifeministische Narrative und Anti-Gender-Tendenzen gewinnen zunehmend an Sichtbarkeit und Einfluss. Gerade jetzt ist es entscheidend, Gleichstellungspolitik als gestaltende Kraft in Transformationsprozessen zu verankern – strukturell, intersektional und zukunftsgerichtet. Deshalb haben wir zwei Pionierinnen der internationalen Gleichstellungspolitik gefragt, wie sie die Vierte Weltfrauenkonferenz erlebt haben, und was es ihrer Meinung nach heute braucht, um eine wirkliche Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen.

Heidemarie Wieczorek-Zeul und Claudia Lücking-Michel

Claudia Maria Lücking-Michel (*4. Februar 1962) ist Theologin und eine deutsche Politikerin (CDU). Von 2013 bis 2017 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit 2018 ist sie Geschäftsführerin von Agiamondo e. V. Seit 1993 engagiert sich Lücking-Michel in verschiedenen Funktionen im Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) und war im Rahmen dieses Engagements auch Teil der deutschen Delegation zur Vierten Weltfrauenkonferenz in Peking.

Heidemarie Wieczorek-Zeul (*21. November 1942) ist eine deutsche Politikerin (SPD). Von 1998 bis 2009 war sie Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Neben ihrem bundesdeutschen Amt war sie zeitgleich Gouverneurin der Weltbank. Als inhaltlichen Schwerpunkt nennt Wieczorek-Zeul selbst die Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen, den Kampf gegen Genitalverstümmelung und die Epidemien HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria. Seit 2016 berät sie die Bundesregierung im Rat für Nachhaltige Entwicklung.

Frau Lücking-Michel, Sie waren 1995 bei der Weltfrauenkonferenz in Peking dabei – was ist Ihnen persönlich von der Pekinger Aktionsplattform besonders im Gedächtnis geblieben? Was war besonders herausfordernd?

Lücking-Michel: „Woran werden wir uns erinnern?“ Mit dieser Frage beendete Gro Harlem Brundtland, damalige Ministerpräsidentin Norwegens, die Weltfrauenkonferenz in Peking, mit 36.000 Teilnehmer*innen die bis dato größte Konferenz in der Geschichte der UNO. Und woran erinnere ich mich? Zum Beispiel an die vielen staatlichen Spitzel und Kameras überall, mit denen die chinesische Regierung die internationalen Gäste auch im Hotel oder in der U-Bahn überwachen ließ, an Hillary Clinton, damals „nur“ Präsidentinnengattin, mit ihrem großartigen Bekenntnis zu Frauenrechten bei ihrem Auftritt auf dem NGO-Forum in Huairou oder an den Besuch bei der Untergrund-Kirche, mit Geleitschutz zum geheimen Treffpunkt.

Teilnehmende des NGO-Foums bei der Vierten Weltfrauenkonferenz in Peking

Frau Wieczorek-Zeul, Sie haben viele Jahre als Bundesministerin mit den Ergebnissen der Pekinger Aktionsplattform gearbeitet – was ist Ihnen persönlich von der Pekinger Aktionsplattform besonders im Gedächtnis geblieben?

Wieczorek-Zeul: Ich habe selbst nicht an der Pekinger Weltfrauenkonferenz teilnehmen können. Als Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung habe ich ab dem Beginn meiner Arbeit 1998 aber immer auf den Verpflichtungen zur Sicherung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit der Frauen und damit zur freien Entscheidung der Frauen über ihre eigene Sexualität aufgebaut. In diesem Sinne haben wir Partnerländer beim Aufbau von Gesundheitssystemen, bei der Unterstützung von Frauen und ihren Initiativen und bei der Entwicklung des Globalen Fonds für die Bekämpfung von HIV/ Aids, Malaria und Tuberkulose geholfen.

30 Jahre später – wie fällt Ihre Bilanz aus: Was konnte aus der Aktionsplattform in Deutschland (und international) umgesetzt werden, und wo hakt es noch?

Lücking-Michel: Für mich war zentral die Vision einer Welt, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, in der Frauen und Mädchen selbstbestimmt Entscheidungen über ihr Leben treffen können, in der Frauenrechte als Menschenrechte geachtet werden und ein Leben frei von Gewalt möglich ist. Die Aktionsplattform enthält dazu viele starke Forderungen. Gestritten wurde dagegen – heute kaum vorstellbar – etwa um das Erbrecht, die Frage des Zuganges von Frauen zu Land und Geld, damit auch zu Krediten. Vor allem aber fehlt eine ausdrückliche Bestätigung für gleiche Würde und gleiche Rechte von Frau und Mann. Theoretisch sind wir da heute weiter, aber auch dreißig Jahre später sind längst nicht alle beschlossenen Maßnahmen umgesetzt. Politische Willenserklärung und Wirklichkeit klaffen nach wie vor weit auseinander.

Wieczorek-Zeul: Das Denken und Handeln hat sich bis heute – 30 Jahre später – in unserem Land deutlich geändert. Aber noch immer sind die Auswirkungen der jahrzehntelangen Diskriminierung im Leben der Frauen auch in Deutschland zu spüren: Das Steuersystem prämiert noch immer eher die nebenberufstätige Frau in einer Ehe, die Einkommensdifferenz zu Männern besteht fort, die Kinderbetreuung entspricht noch immer nicht einem Land, das sich ansonsten an der Spitze wähnt, die Renten von Frauen sind noch immer Ausdruck früherer Lebensschicksale. Und Gewalt gegen Frauen zeigt sich in der unerträglich hohen Zahl von Anschlägen und Morden an Frauen und Mädchen.

Welche Themen der Pekinger Plattform halten Sie heute für besonders aktuell oder sogar dringlicher als damals?

Lücking-Michel: Bei den Debatten in Peking drehte sich zu Recht alles um „Empowerment“, also um das Anliegen, Frauen selbst stark zu machen in ihrem Kampf um gleiche Rechte, bessere Bildung und gleichberechtigte Teilhabe bei allen Fragen von Gesellschaft, Politik und Kirche. Das bleibt auch 30 Jahre später ein wichtiges Ziel.

Wieczorek-Zeul: Weltweit werden die sexuellen und reproduktiven Rechte der Frauen von vielen Seiten bedroht. Aus der aktuellen US-Politik wird Gegenaufklärung betrieben. Deren Ziel: Hinter die Aufklärung zurückzukehren, verstärkt patriarchales und autoritäres Denken und Handeln durch „Ansteckung“. Deshalb kommt es darauf an, dass Europa klare Gegenposition gegen diese Tendenz zeigt und alle unterstützt, die die wichtigen Botschaften der Pekinger Aktionsplattform in der Praxis verwirklichen wollen und die der Gewalt gegen Frauen ein Ende bereiten wollen.

Was wünschen Sie sich politisch wie gesellschaftlich für die nächsten 10 Jahre Gleichstellungspolitik?

Lücking-Michel: Für die nächsten Jahre zitiere ich noch einmal Gro Harlem Brundlandt: „Lasst uns heute unsere strategischen Siege zählen und nicht die taktischen Niederlagen. Die Geschichte aller Freiheitskämpfe sagt uns, dass Leben, Freiheit, Gleichheit und Chancen niemals gewährt wurden. Sie sind immer errungen worden.“ Das kann ja nur eins heißen: Weitermachen!

Wieczorek-Zeul: Politisch wünsche ich mir, dass die Nachhaltigkeitsziele der Gesundheit, der Bekämpfung von Ungleichheit aktiv umgesetzt und auch finanziert werden. Wir müssen wehrhaft sein auch gegen Armut, Pandemien und Klimawandel! Ausgaben für Militär dürfen nicht zu Lasten der sozialen und internationalen Verantwortung gehen. D.h. die Arbeit des Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV/ Aids, Malaria und Tuberkulose muss massiv auch finanziell unterstützt werden. Denn HIV/ Aids könnte bis 2030 tatsächlich beendet werden! Wir müssen bei uns, aber auch weltweit, wegkommen von einer Militarisierung des Denkens, von der Tendenz, das Recht des Stärkeren durchzusetzen.

Hintergrund

Plenum der Vierten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen

Worum geht es in der Pekinger Aktionsplattform?

Die Pekinger Aktionsplattform ist ein umfassendes, international anerkanntes Programm zur Förderung der Menschenrechte von Frauen und Mädchen. Sie wurde auf der Vierten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen 1995 in Peking verabschiedet und gilt bis heute als eines der wichtigsten und umfassendsten Übereinkommen von 189 Regierungen weltweit zur Stärkung von Mädchen und Frauenrechten.

Ziel: Gleichstellung der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen erreichen – durch konkrete Maßnahmen und politische Verpflichtungen.

Die 12 zentralen Handlungsfelder

Die Plattform identifizierte 12 Schlüsselbereiche, in denen Frauen weltweit benachteiligt werden. Diese „critical areas of concern“ bilden den Kern der Plattform:

  • Frauen und Armut: Bessere wirtschaftliche Teilhabe, Zugang zu Ressourcen und sozialer Absicherung
  • Bildung und Ausbildung: Gleichberechtigter Zugang zu allen Bildungsstufen, lebenslanges Lernen
  • Frauen und Gesundheit: Zugang zu medizinischer Versorgung, sexuelle und reproduktive Gesundheit
  • Gewalt gegen Frauen: Schutz, Prävention, Strafverfolgung und Unterstützung von Betroffenen
  • Frauen und bewaffnete Konflikte: Schutz von Frauen in Kriegsgebieten, Rolle in Friedensprozessen stärken
  • Frauen und Wirtschaft: Gleichstellung am Arbeitsmarkt, faire Bezahlung, Vereinbarkeit
  • Frauen in Macht und Entscheidungspositionen: Politische und wirtschaftliche Teilhabe, Quoten, Führung
  • Institutionelle Mechanismen für Gleichstellung: Aufbau von staatlichen Strukturen zur Gleichstellung (wie z. B. die Bundesstiftung Gleichstellung)
  • Menschenrechte der Frauen: Frauenrechte als unteilbarer Teil der Menschenrechte
  • Frauen und Medien: Stärkere Sichtbarkeit, weniger Stereotype, Zugang zu Technologie
  • Frauen und Umwelt: Beteiligung an Umweltpolitik, gendergerechte Nachhaltigkeit
  • Mädchen: Schutz vor Frühverheiratung, Genitalverstümmelung, Förderung von Bildung und Rechten

Bedeutung bis heute

  • Die Plattform ist ein starkes politisches Bekenntnis mit weltweitem Einfluss.
  • Viele nationale Gleichstellungsinstitutionen, Gesetze und Programme (wie auch die Bundesstiftung Gleichstellung) haben ihre Wurzeln in diesem historischen Dokument.
  • Der Umsetzungsstand wird regelmäßig von der UN überprüft. Die „UN Commission on the Status of Women (CSW)“ trifft sich jährlich in New York und analysiert den Fortschritt bei der Umsetzung der Pekinger Aktionsplattform – zuletzt im Rahmen des Jahrestages „Peking+25“ im Jahr 2021 und „Peking+30“ in diesem Jahr.