Gender Health Gap

Eine Großzahl der bekannten Gleichstellungsindikatoren deckt vor allem ökonomische Aspekte oder politische Teilhabe ab, während gesundheitliche Aspekte vergleichsweise weniger Raum einnehmen (Palència et al. 2014). Dabei zeigen sich im Bereich der Gesundheit eine Reihe substanzieller Geschlechterungleichheiten, die sich aus Unterschieden in Biologie und Verhalten, ebenso wie aus gesellschaftlichen Umständen ergeben können. Allerdings existiert kein allgemein anerkannter Gender Health Gap oder ein anderweitig benannter, greifbarer Gleichstellungsindikator. Stattdessen handelt es sich bei Geschlechterungleichheiten im Bereich Gesundheit um ein mehrdimensionales Konzept, das sich entsprechend entlang verschiedener Indikatoren und Schwerpunktsetzungen dokumentieren lässt. Eine mögliche Einordnung, die wir im Folgenden vornehmen, ist die Unterscheidung von vermeintlich objektiven, inzidenzorientieren Kennzahlen und subjektiven Indikatoren wie der Wahrnehmung von Gesundheitsversorgung und Gesundheitszustand. Gleichsam ergibt die genauere Betrachtung sowohl zwischen als auch innerhalb dieser Kategorien zwei Punkte: erstens, dass geschlechterspezifische Benachteiligungen im Bereich der Gesundheit sowohl Männer als auch Frauen betreffen und zweitens, dass es sich um sehr facettenreiche Ungleichheiten handelt. Aus gleichstellungspolitischer Perspektive unterstreichen diese Erkenntnisse die Bedeutung und Potenziale einer geschlechtersensiblen Gesundheitsversorgung.

Inzidenzbasierte Messung: Lebenserwartung und „objektiver“ Gesundheitszustand?

Frauen weisen gemeinhin eine höhere Lebenserwartung als Männer auf. In Deutschland beträgt diese ab Geburt durchschnittlich 83 Jahre für Frauen und ist damit rund 4,8 Jahre höher als die von Männern (Statistisches Bundesamt 2024b). Hierzu tragen unter anderem eine Reihe geschlechtsspezifischer Unterschiede im Verhalten und dem damit verbundenen Gesundheitsrisiko bei. Männer sind eher in Bereichen mit einem besonders hohen Risiko für Arbeitsunfälle beschäftigt, wie z. B. Bergbau, Landwirtschaft oder verarbeitende Industrie. So lag 2022 in Deutschland die Inzidenz tödlicher Arbeitsunfälle für Männer bei 1,32, für Frauen bei 0,13 pro 100.000 Arbeiter*innen (Eurostat 2024). Ebenso haben volljährige Männer über alle Altersgruppen hinweg eine deutlich höhere Inzidenz tödlicher Straßenverkehrsunfälle als Frauen, was sich unter anderem vor dem Hintergrund der defensiveren Verkehrsteilnahme letzterer einordnen lässt (Statistisches Bundesamt 2022). Auch im Hinblick auf Ernährung und gesundheitsbewusstes Verhalten unterscheiden sich Männer und Frauen: Die Zahl der regelmäßigen und gelegentlichen Raucher*innen ist höher unter Männern (Statistisches Bundesamt 2024a), und somit auch ihr Risiko an Lungenerkrankungen zu versterben (Statistisches Bundesamt 2024c).

Subjektive Indikatoren: unterschiedliche Wahrnehmung des Gesundheitszustands

Die Lebenserwartung lässt jedoch keine Rückschlüsse auf den gesundheitlichen Zustand während der verbleibenden Lebensjahre zu, da mit steigendem Alter unter anderem auch die Wahrscheinlichkeit von Multimorbidität steigt. Frauen geben in Befragungen eher an, dass sie gleichzeitig von mehreren chronischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-, Krebs- oder neuromuskulären und skelettalen Erkrankungen betroffen sind. Weiterhin weisen Frauen laut dem Deutschen Alterssurvey mit fortschreitendem Alter einen größeren Verlust der körperlichen Funktionalität auf als Männer. Hier wird gemessen, inwiefern eine Reihe von alltäglichen bis hin zu körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten wie Anziehen oder schweres Heben mit wahrgenommenen Einschränkungen einhergehen (Robert Koch Institut/Statistisches Bundesamt 2020).

Dies deckt sich mit Befunden, dass Frauen altersunabhängig im Durchschnitt einen schlechteren Gesundheitszustand als Männer angeben. Das lässt sich einerseits auf konkrete geschlechtsspezifische Unterschiede im Bildungsabschluss und Erwerbsverhalten zurückführen (siehe Gender Pay Gap oder Gender Arbeitsmarkt Gap): Frauen verfügen im Vergleich zu Männern in der Regel über weniger ökonomische Ressourcen. Diese stehen wiederum im Zusammenhang mit gesundheitsrelevanten Faktoren wie gesunder Ernährung, Zugang zu hochwertiger Gesundheitsversorgung oder Wohnqualität. Zudem sehen sie sich eher mit psychosozialen Stressfaktoren in Form von Vereinbarkeitsproblematiken von Familie und Beruf konfrontiert (siehe Gender Care Gap) (Roxo et al. 2021). Andererseits können aus gesundheitlichen Benachteiligungen wiederum auch ökonomische Nachteile resultieren, zum Beispiel durch Arbeitszeitreduktion oder Arbeitslosigkeit (Robert Koch Institut/Statistisches Bundesamt 2020). Eine weitere Erklärung für geschlechtsspezifische Unterschiede in der subjektiven Gesundheit ist, dass Frauen eine andere Wahrnehmungsschwelle im Hinblick auf Beschwerden und Symptome aufweisen (Di Lego et al. 2020).

Eine Möglichkeit, subjektive und objektive Aspekte kombiniert zu betrachten, stellt der Indikator Gesunde Lebensjahre (Healthy Life Years) dar. Hierbei wird die allgemeine Lebenserwartung um die Jahre mit erheblichen funktionalen gesundheitlichen Einschränkungen bereinigt, indem Informationen aus amtlichen Sterbetafeln mit Befragungsdaten zusammengeführt werden. In Deutschland blicken Frauen auf durchschnittlich 67,1 gesunde Lebensjahre, Männer auf 65,4 (Stand 2019, Eurostat 2025). Allerdings gilt zu beachten, dass Frauen Ärzt*innen eher konsultieren und eine höhere Bereitschaft aufweisen, Erkrankungen, Symptome und Beschwerden in Befragungen anzugeben. Das heißt, bei Gesunden Lebensjahren handelt es sich um eine potenziell verzerrte Darstellung, die insbesondere Werte für Männer überschätzt aufgrund einer Dunkelziffer von nicht diagnostizierten oder angegeben Krankheiten (Di Lego et al. 2020; Robert Koch Institut/Statistisches Bundesamt 2020).

Von Gesundheitszustand zu Gesundheitsversorgung

Während es sich bei gesunden Lebensjahren um einen möglichen Ansatz zur indikatorbasierten Messung gesundheitlicher Ungleichheiten handelt, deckt dieser zugleich nur Teile des Themenkomplexes ab. Beispielsweise gibt es auch Hinweise auf Geschlechterunterschiede in der Gesundheitsversorgung und ihrer Wahrnehmung. Hier spielt nicht zuletzt auch der sogenannte Gender Data Gap eine wesentliche Rolle, über den an anderer Stelle ausführlicher berichtet wird (siehe Fachtext Gendersensible Medizin). Medizinische Studien und die Erprobung von Medikamenten erfolgen häufig ausschließlich an männlichen Testpersonen, sodass eine Lücke im Wissen zur geschlechterspezifischen Wirksamkeit von Medikamenten und Behandlung von Krankheiten vorherrscht. In der Folge erfahren Frauen unter anderem häufiger verspätete oder falsche Diagnosen und leiden häufiger an Nebenwirkungen von Medikationen (Göring 2022). Zudem profitieren Frauen, die durch Ärztinnen statt Ärzte behandelt werden, laut Studien von positiveren Behandlungsergebnissen. Mögliche Gründe hierfür sind, dass sich Ärztinnen im Schnitt mehr Zeit nehmen, aber auch eine höhere Geschlechtersensibilität in der Behandlung aufweisen (Miyawaki et al. 2024).

Intersektionale Perspektiven auf psychische Gesundheit

Abb. 1: Angststörung und depressive Symptome (PHQ-Skala, 0-12), differenziert nach Selbstidentifikation und Geschlecht in Deutschland 2022
Quelle: DeZIM (2023); Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor 2023; eigene Darstellung

Gesundheitliche Ungleichheiten zeigen sich nicht nur entlang der Dimension Geschlecht, sondern beispielsweise auch entlang der Selbstidentifikation mit einer rassistisch markierten Gruppe. Intersektionale Perspektiven können hier veranschaulichen, inwiefern sich Mehrfachzugehörigkeiten in Verbindung mit dem Geschlecht in gesonderten gesundheitlichen Benachteiligungen und Bedarfslagen äußern. So veranschaulicht die Abbildung, dass Frauen generell eine höhere Zahl an Symptomen angeben, die mit einer Erkrankung an Depressionen und Angststörungen einhergehen (siehe auch Otten et al. 2021). Das wird hier durch den gemeinhin anerkannten Patient Health Questionnaire (PHQ) (Gesundheitsfragebogen) abgefragt. Aus den positiven Antworten zu verschiedenen Symptomabfragen setzt sich ein Ergebnis auf der sogenannten PHQ-Skala zusammen. Frauen und Menschen mit rassistisch markierter Selbstidentifikation zeigen im Durchschnitt deutlich höhere Werte. Der Geschlechterunterschied ist innerhalb der Gruppe der Deutschen mit Migrationshintergrund am ausgeprägtesten (DeZIM 2023: 127 ff.)[1]. Frauen, die sich als muslimisch oder schwarz identifizieren, haben hierbei die höchste Prävalenz von Symptomen von Angststörungen und Depressionen. Die Erklärungen hierfür sind mehrschichtig: So tragen einerseits Alterszusammensetzung sowie Benachteiligungen bei Bildung und Einkommen, zu einer höheren Gefahr bei, an Depressionen und Angststörungen zu erkranken. Weiterhin zeigt sich, unter Berücksichtigung dieser Faktoren, dass die Häufigkeit konkreter Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen als Quelle von psychosozialem Stress ebenfalls unmittelbar mit der mentalen Gesundheit verbunden ist (DeZIM 2023: 129 ff.). Diese Ergebnisse unterstreichen, dass sich im Hinblick auf das Geschlecht und dessen Zusammenspiel mit anderen Merkmalen sehr stark variierende gesundheitliche Risikolagen und Unterstützungsbedarfe ergeben. Weiterhin zeigt sich hier deutlich, dass Maßnahmen zur Bekämpfung von Diskriminierung und Rassismus mit konkreten gesundheitlichen Zugewinnen für die Betroffenen einhergehen können.

Stand: Juli 2025

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Über die Autor*innen

Clara Overweg M.A., ist Soziologin und Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bamberg. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit geschlechterspezifischen Ungleichheiten in Lebenslauf, Renteneinkommen und Vermögen.

Dr. Andreas Weiland ist Soziologe und forscht an der TU Dortmund. Seine Schwerpunkte liegen in den Themenfeldern Lebenslauf, Geschlecht, Sozialpolitik, Renten und Vermögen.