Gender Pension & Gender Wealth Gap

Gender Pension Gap: Das ungleiche Erbe der Sorgearbeit
Der Gender Pension Gap (geschlechtsspezifische Rentenlücke) ist ein Maß zur Bestimmung geschlechtsspezifischer Unterschiede im Renteneinkommen. Der Gender Pension Gap kann dabei Eindrücke zur finanziellen Eigenständigkeit von Männern und Frauen im Alter vermitteln. Damit stellt er eine Art „ökonomischer Bilanz“ des Lebenslaufs dar, da die Alterseinkommen in Deutschland im hohen Maße von der vorherigen Erwerbsbiografie abhängen. So übertragen sich geschlechtsspezifische Ungleichheiten über den Lebenslauf hinweg in den Ruhestand: Frauen gehen eher Teilzeit- oder geringfügigen Beschäftigungen nach, weisen häufiger Erwerbsunterbrechungen auf, da sie einen Großteil der Sorgearbeit übernehmen (siehe Gender Care Gap), und erhalten durchschnittlich niedrigere Verdienste (siehe Gender Pay Gap). Die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit wird hierbei oft auch politisch begünstigt: Die Wohlfahrtsstaatsforscherin Diane Sainsbury (1994) hat hier den Begriff des „männlicher Brotverdiener“-Modells von Sozialpolitik geprägt – eine Politik, die eine klare Aufteilung zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit innerhalb von Paaren begünstigt. Der Gender Pension Gap zeigt daher nicht nur Potenziale gegenüber der Rentenpolitik auf, sondern verdeutlicht auch die Bedeutung einer gleichstellungsorientierten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.
Der Gap gibt an, wieviel Prozent niedriger Alterseinkommen von Frauen im Vergleich zu Männern sind. Hierbei bezieht er sich auf die Bevölkerung über 65 Jahre und auf das Bruttoalterseinkommen aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge. Im Jahr 2023 befand sich der Gender Pension Gap bei 39,4 Prozent (Statistisches Bundesamt 2024). Bei Berücksichtigung von Hinterbliebenenrenten lag der Gender Pension Gap im Jahr 2023 bei 27,1 Prozent (ebd.). Diese werden allerdings in der Regel von der Berechnung ausgeschlossen, da es sich um keine eigenständig erworbenen Rentenanwartschaften handelt. Der Gender Pension Gap als Indikator bezieht sich demnach auf eigenständige Rentenansprüche und weist Limitationen auf. So ist er kein geeigneter Indikator für Altersarmut: Frauen können trotz sehr geringem Renteneinkommen auf Haushaltsebene gut abgesichert sein. Außerdem finden neben Hinterbliebenenrenten mögliche Zuverdienste durch Erwerbstätigkeit im Rentenalter keine Berücksichtigung. Weiterhin fußt die Alterssicherung gemeinhin auf mehreren Säulen. Aus dem Gender Pension Gap wird aber beispielsweise nicht unmittelbar ersichtlich, dass Frauen einen systematisch geringeren Zugang zu Formen betrieblicher und privater Altersvorsorge haben (Frericks et al. 2009): So sind Frauen unter anderem seltener in Beschäftigungsfeldern vertreten, die Betriebsrenten anbieten (Klammer 2019: 53). Zur Berechnung des Gender Pension Gaps können Daten aus repräsentativen Befragungen, wie zum Beispiel dem Mikrozensus im Falle der Angaben des Statistischen Bundesamtes, verwendet werden. Für gesetzliche Renten besteht darüber hinaus die Möglichkeit, administrative Daten der Rentenversicherung zu nutzen. Diese sind zwar verlässlicher, weil es nicht zu Falschangaben kommen kann. Allerdings erfassen sie weder private noch betriebliche Altersvorsorge, sodass sie nur einen Teil der gesamten Altersabsicherung abbilden.
Nicht nur Rente: der Gender Wealth Gap
Während sich der Gender Pension Gap nur auf Einkommensströme konzentriert, beschreibt der Gender Wealth Gap (geschlechtsspezifische Vermögenslücke) das Nettovermögen, das heißt Vermögenswerte wie Immobilien, Sparkonten, Aktien oder andere Investments abzüglich Schulden und Verbindlichkeiten. Der Gender Wealth Gap kann – ähnlich wie der Gender Pension Gap – Aufschluss über die individuelle finanzielle Autonomie und Rücklagen geben. Der Zugriff auf Vermögenswerte kann beispielsweise monatliche Rentenzahlungen ergänzen und selbstgenutztes Wohneigentum kann zu geringeren Lebenserhaltungskosten beitragen. Letztlich kann Vermögen auch zur Deckung möglicher Pflegekosten im Alter eingesetzt werden. Im Kontext von Geschlechterungleichheiten in der Alterssicherung ist es daher sinnvoll, neben den Rentenansprüchen auch den Gender Wealth Gap in der Bevölkerung über 65 Jahren als ergänzenden Indikator zu berücksichtigen. Die Messung des Gender Wealth Gap ist nur mit wenigen Datensätzen möglich, da detaillierte Auskünfte über individuelle Vermögenswerte benötigt werden. In Deutschland eignen sich hierfür Informationen aus der Befragung des Sozio-Ökonomischen Panels, in dem im Schnitt alle fünf Jahre detailliert nach dem individuellen Vermögen gefragt wird. Der Gender Wealth Gap wird dann analog zu anderen Gaps als prozentuale Lücke berechnet. Oft sind Vermögenswerte innerhalb von Paaren nicht trenngenau geteilt, was die Messung erschwert. Eine weitere Schwierigkeit ist die unterschiedliche Qualität von Schulden: Es kann sich um „produktive“, das heißt in Zukunft lukrative, Verbindlichkeiten in Form von Hauskrediten, aber auch um „unproduktive“ Schulden, zum Beispiel Konsumschulden, handeln. In der Berechnung des Gender Wealth Gap werden diese in der Regel gleichbehandelt.
Neben Ungleichheiten in Einkommen und Erwerbsbiographien fließen in den Gender Wealth Gap auch Finanzwissen und Investmentverhalten sowie eine Bevorzugung von Männern bei intergenerationalen Schenkungen und Vererbungen ein (Tisch/Schechtl 2024). Andererseits kann es unter heterosexuellen Paaren durch das Teilen von Vermögen (zum Beispiel selbst genutztem Wohneigentum) auch zur Umverteilung von Männern zu ihren Partnerinnen kommen. Aus diesem Grund ist der Gender Wealth Gap gemeinhin weniger ausgeprägt als der Gender Pension Gap (Cordova et al. 2022; Kapelle/Weiland 2024).
Auswirkungen der Geschichte: Gender Gaps in Rente und Vermögen in Ost- und Westdeutschland
Abb. 1: Monatliches Renteneinkommen und Nettovermögen nach Geschlecht und Region 2017

Vor dem Hintergrund der historischen Teilung Deutschlands in zwei unterschiedliche Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme bietet es sich an, Geschlechterunterschiede in Renten und Vermögen für Ost- und Westdeutschland gesondert aufgeschlüsselt zu untersuchen (siehe Abb. 1). Während der Gender Pension Gap in Westdeutschland rund 39 Prozent beträgt, liegt er bei lediglich rund sechs Prozent in Ostdeutschland, wo ostdeutsche Männer niedrigere und ostdeutsche Frauen vergleichsweise höhere Renteneinkommen beziehen. Bei den Vermögenswerten fällt zunächst vor allem das historisch bedingt deutlich niedrigere Niveau in Ostdeutschland auf. Relativ gesprochen ist der Gender Wealth Gap in Ostdeutschland mit rund 31 Prozent im Vergleich zu 26 Prozent in Westdeutschland zwar höher. Absolut gesprochen übersteigt das Vermögen westdeutscher Frauen das von ostdeutschen Männern und Frauen jedoch um ein Vielfaches. Der größere Wealth Gap in Westdeutschland kann demnach nicht mit einer schlechteren absoluten Vermögenslage gleichgesetzt werden. Zurückzuführen sind diese Unterschiede auf die Geschichte der beiden Landesteile: Während in Ostdeutschland weibliche Erwerbsbeteiligung gefördert wurde, entsprach westdeutsche Sozialpolitik einem „männlicher Brotverdiener“-Modell (Sainsbury 1994), in dem Frauen maximal eine Zuverdienerrolle einnahmen. Vermögensaufbau war in Ostdeutschland hingegen schwer möglich – eine Begebenheit, die sich bis heute in einer großen Vermögenslücke zwischen den beiden Landesteilen niederschlägt (Grabka 2014). In der gemeinsamen Betrachtung von Rente und Vermögen von Frauen über beide Landesteile hinweg wird also deutlich: Förderung von Gleichstellung sollte verschiedene Komponenten der Alterssicherung und deren historisch ungleiche Verteilung in den Blick nehmen.
Stand: Juli 2025
Über die Autor*innen
Clara Overweg M.A., ist Soziologin und Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bamberg. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit geschlechterspezifischen Ungleichheiten in Lebenslauf, Renteneinkommen und Vermögen.
Dr. Andreas Weiland ist Soziologe und forscht an der TU Dortmund. Seine Schwerpunkte liegen in den Themenfeldern Lebenslauf, Geschlecht, Sozialpolitik, Renten und Vermögen.
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Cordova, Karla/Grabka, Markus M./Sierminska, Eva (2022): Pension Wealth and the Gender Wealth Gap. In: European Journal of Population 38 (4), S. 755–810 (Abruf: 12.12.2024).
Frericks, Patricia/Knijn, Trudie/Maier, Robert (2009): Pension Reforms, Working Patterns and Gender Pension Gaps in Europe. In: Gender, Work & Organization 16 (6), S. 710–730 (Abruf: 12.12.2024).
Grabka, Markus M. (2014): Private Vermögen in Ost- und Westdeutschland gleichen sich nur langsam an. In: DIW Wochenbericht 40, S. 959–966.
Kapelle, Nicole/Weiland, Andreas (2024): Intra-couple gaps in retirees’ financial resources: Their extent and predictors across Eastern and Western Germany. In: European Societies (Abruf: 07.12.2024).
Klammer, Ute (2019): Frauenalterssicherung: Gerechter Lohn für Lebensleistung? In: Journal Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW 45, S. 51–57.
Sainsbury, Diane (1994): Women’s and Men’s Social Rights: Gendering Dimensions of Welfare States. In: Sainsbury, Diane (Hg.): Gendering Welfare States. London: SAGE Publications Ltd, S. 150–169.
Statistisches Bundesamt (2024): Gender Pension Gap (Abruf: 09.12.2024).
Tisch, Daria/Schechtl, Manuel (2024): The gender (tax) gap in parental transfers. Evidence from administrative inheritance and gift tax data. In: Socio-Economic Review (Abruf: 12.12.2024).
Bildnachweise
Abbildung 1: Monatliches Renteneinkommen und Nettovermögen nach Geschlecht und Region 2017; Quelle: Eigene Berechnungen, gewichtet; Datengrundlage ist das Sozioökonomisches Panel (SOEP) v39; Befragung von 2017 und Imputationen des SOEP