Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Woher kommt feministische Führungskultur?

Feministische Führungskultur zielt darauf ab, Hierarchien in Organisationen zu hinterfragen und eine Führungspraxis zu entwickeln, welche die aktive Förderung der Gleichstellung der Geschlechter zum Ziel hat.
Das Konzept einer feministischen Führungskultur entwickelte sich maßgeblich während der 1970er und 1980er Jahre im globalen Süden. Besonders in feminis­tischen Bewegungen und Organisationen wurde sehr früh die Notwendigkeit erkannt, Führungsrollen neu zu definieren und transformative strukturelle Veränderungen zu bewirken. Feministische Theoretiker*innen, allen voran Srilatha Batliwala, spielten eine zentrale Rolle bei der Formulierung dieses Ansatzes. Batliwala argumentiert, dass feministische Führung nicht nur bedeutet, Frauen in Führungspositionen zu bringen, sondern auch, diese Rollen/Funktionen dann auf eine Weise auszuüben, die herkömmliche Strukturen herausfordert und soziale Gerechtigkeit fördert. Sie betont die Notwendigkeit, in Organisationen Macht zu teilen, inklusive Entscheidungsprozesse zu etablieren und die Stimmen unterrepräsentierter Gruppen zu stärken.
Auch die bundesdeutsche Geschlechter­soziologie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Fragen von Geschlechter­gerechtigkeit auf der Ebene von Institutionen und Organisationen. Prof. Dr. Birgitt Riegraf betont, dass die Organisationssoziologie und Geschlechterforschung lange die Verbindung zwischen Geschlecht und Organisation beleuchtet haben.

„Heute erleben wir folgende Situation: Der Frauenanteil in Führungspositionen wächst. Dabei stellt sich die Frage, welche Ziele über den bloßen Anstieg hinaus verfolgt werden sollten. Es geht nicht nur darum, mehr Frauen in Führungsrollen zu bringen, sondern auch darum, Führungsstile und -kulturen zu wandeln. Gleichzeitig sehen wir, dass viele Frauen, die Führungspositionen erreichen, auf eine Organisationskultur stoßen, die sie zum Rückzug bewegt.“

Prof. Dr. Birgitt RiegrafProfessorin und Präsidentin Universität Paderborn

Riegraf vergleicht diese Erfahrungen von Frauen in Führungs­positionen mit dem Drehtüreffekt. Der Drehtüreffekt bezeichnet in der geschlecht­erforschenden Arbeitsmarkt­soziologie die kurze Verweilzeit von Frauen in untypischen Berufen, also Berufen, die traditionell eher von Männern dominiert werden. Frauen wechseln darüber hinaus häufig zwischen verschiedenen Positionen oder kehren nach kurzer Zeit in ihre ursprünglichen, häufig als „weiblich“ wahrgenommenen Berufe oder Positionen zurück. Sie stellt fest, dass die Führungsebenen – neben allen strukturellen Diskriminierungen – weiterhin stark von Männlichkeits­bildern geprägt sind, die Dominanz, Kontrolle und Durchsetzungsfähigkeit betonen. Weiblichkeits­konzepte passen nicht zu diesen Vorstellungen, was Frauen das Gefühl gäbe, nicht willkommen zu sein.
Um diese Effekte abzumildern, braucht es Konzepte, wie z.B. eine feministische Führungskultur. Die Geschlecht­erforschung hat in den letzten Jahrzehnten zu diesem Themenkomplex gearbeitet. Feministische Führungskultur wird als ein praktischer Ansatz eingeordnet, der aus feministischen Bewegungen und der Notwendigkeit hervorging, bestehende Machtstrukturen zu hinterfragen und zu verändern.

Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Was sagt die Theorie?

Die Diskussion über feministische Führungskultur umfasst zahlreiche Definitionen und Ansätze, die jeweils unterschiedliche Perspektiven beleuchten. Sie reichen von theoretischen Debatten bis zu praktischen Umsetzungsvorschlägen und betonen Aspekte wie Machtkritik, soziale Gerechtigkeit und Partizipation. Einige stellen wir hier vor.

Zentrale Ansätze und Definitionen

Srilatha Batliwala

Srilatha Batliwala beschreibt feministische Führungskultur

als einen Prozess sozialer Gerechtigkeit und Transformation. Sie sagt, es gehe darum, Macht und Ressourcen zu teilen, soziale Ungleichheiten abzubauen und marginalisierte Perspektiven zu stärken. Dieser Ansatz betreffe nicht nur die individuelle Ebene, sondern solle auch strukturelle und organisatorische Veränderungen anstoßen.

Srividya Ramasubramanian

Srividya Ramasubramanian definiert feministische Führungskultur

als eine inklusive Führungsethik, die von allen Geschlechtern praktiziert werden könne und Zweigeschlechtlichkeit überwinde. Sie hebt die Bedeutung von Intersektionalität und partizipativen Prozessen hervor und sagt, dass feministische Führung darauf abziele, traditionelle Hierarchien zu hinterfragen.

Michel Friedman und Nosipho Twala

Michel Friedman und Nosipho Twala
konzentrieren sich auf feministische 

transformative Führung, die bestehende Strukturen aufbrechen und Raum für neue Modelle schaffen solle. Sie betonen, dass die Entwicklung einer gemeinsamen Vision entscheidend sei und eine „Kultur der Fürsorge“ etabliert werden müsse, um nachhaltige Veränderungen zu ermöglichen.

Aruna Rao und David Kelleher

Aruna Rao und David Kelleher 
betrachten Führung als ein Werkzeug

für soziale Transformation. Sie sagen, es sei notwendig, traditionelle Normen und Machtstrukturen kritisch zu hinterfragen und Macht bewusst zu dezentralisieren, um marginalisierten Perspektiven mehr Raum zu geben.

Lori DiPrete Brown und Olivia Dahlquist

Lori DiPrete Brown und Olivia
 Dahlquist verstehen feministische Führungskultur

als einen kontinuierlichen Prozess, der die Handlungsmacht von Individuen in den Mittelpunkt stelle. Sie betonen, dass feministische Führung die Bedeutung von Emotionen neu denken, das Verlernen von zweigeschlechtlichem Denken fördern und Intersektionalität sowie Diskriminierung von Menschen mit Behinderung konsequent mit einbeziehen solle.

Allen Ansätzen gemeinsam ist der Fokus auf Machtkritik und die Transformation von Strukturen. Feministische Führungskultur will nicht nur mehr Frauen in Führungspositionen bringen, sondern die zugrunde liegenden hierarchischen Strukturen in Organisationen grundlegend verändern. Führung wird dabei als kollektiver Prozess verstanden, der auf Kooperation und Partizipation setzt.

Die Pfeile der folgenden Abbildung verdeutlichen, wie eng verzahnt die Elemente feministischer Führungskultur miteinander sind. Ein bestimmtes Verständnis von Macht hat bspw. unmittelbare Auswirkungen auf die Werte einer Organisation.

Handlungsleitende Prinzipien zu Feministischer Führungskultur

Batliwala, Srilatha (2020a): Feminist Leadership for Social Transformation: Clearing the Conceptual Cloud: https://creaworld.org/wp-content/uploads/2020/11/feminist-leadership-clearing-conceptual-cloud-srilatha-batliwala.pdf, [Abruf: 12.06.2025], eigene Darstellung

Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Was sagt die Praxis?

Die Diskussion über feministische Führungskultur findet nicht nur in der Theorie statt. Auch in der Praxis gibt es zahlreiche Ansätze, die unterschiedliche Perspektiven auf das Thema eröffnen. Im Auftrag der Bundesstiftung Gleichstellung hat die Organisation Fair Share of Women Leaders e.V. Interviews mit Führungs­persönlichkeiten geführt, um ihr exemplarisches Verständnis von feministischer Führungskultur zu erfassen.

Mareike von Raepke

Mareike von Raepke (Geschäftsführerin Deutsches Youth for Understanding Komitee e.V.) sagt, Führungskultur bedeute,

Menschen in ihrer Ganzheit zu betrachten und einen wertschätzenden, fairen Umgang zu pflegen – nicht nur innerhalb einer Organisation, sondern auch darüber hinaus. Feministische Führung solle darauf abzielen, Gemeinschaftlichkeit zu fördern und die Reflexion über Macht und Privilegien kontinuierlich voranzutreiben. Ziel sei es, gewalt- und diskriminierungssensible Strukturen zu schaffen.

Daphne Heinsen

Daphne Heinsen (Geschäftsführerin und Vorständin Campact e.V.) beschreibt feministische Führungskultur 

als ein dynamisches Lern- und Spannungsfeld. Für sie gehe es vor allem um Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, bestehende Strukturen zu hinterfragen. Ein zentrales Prinzip sei das Bewusstsein für Machtverhältnisse und Privilegien in Organisationen. Sie betont, dass feministische Führung nicht nur individuelle Entscheidungen umfasse, sondern auch stark von sozialen und strukturellen Faktoren beeinflusst werde.

Jana Prosinger

Jana Prosinger (Coachin für feministische Führungskultur mit systemisch-integralem Ansatz) sagt, feministische Führungskultur bedeute

eine kritische Auseinandersetzung mit sichtbaren und unsichtbaren Strukturen innerhalb von Organisationen. Sie hebt hervor, dass es notwendig sei, Machtpositionen und Privilegien zu reflektieren und Transparenz in Entscheidungsprozessen herzustellen. Besonders wichtig sei die Frage, wer welche Informationen in einer Organisation besitzt und wie Entscheidungswege für alle nachvollziehbar gemacht werden könnten. Feministische Führungskultur sei kein statisches Konzept, sondern ein dynamischer, kontinuierlicher Reflexionsprozess.

Rimma Kadyrbayeva

Rimma Kadyrbayeva (Senior-Managerin und Partnerin IMAP-Institut) sieht feministische Führungskultur

nicht als einen Status, der bereits erreicht sei oder angestrebt werde, sondern als ein langfristiges Vorhaben, das bewusste Veränderungen erfordere. Sie sagt, Kultur existiere in jeder Organisation, werde aber selten aktiv gestaltet. Feministische Führung verlange daher ein gezieltes Umdenken und Handeln, um eine geschlechtergerechte Teilhabe zu ermöglichen. Organisationen setzten sich zunehmend mit Fragen der Inklusion von Frauen auseinander, allerdings meist in Form von punktuellen Maßnahmen und weniger als strukturelles Anliegen.

Verena Bentele

Verena Bentele (Präsidentin Sozialverband VdK Deutschland e.V.) sagt, feministische Führungskultur bedeute

eine Abkehr von traditionellen, patriarchalen Strukturen hin zu einer kooperativen, partizipativen Form der Leitung. Sie betont, dass sich Führung in den letzten Jahrzehnten verändert habe und heute stärker auf die Einbeziehung von Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen setze. Während früher ein autoritärer Führungsstil dominierte, in dem eine Person vorgab, was zu tun sei, gehe es ihr darum, einen Dialog auf Augenhöhe zu fördern. Eine Herausforderung bestehe darin, sich als Frau in einer Führungsposition nicht an männlichen Vorbildern zu orientieren, sondern einen eigenen, authentischen Stil zu entwickeln. Dieser zeichne sich insbesondere durch die Fähigkeit aus, Menschen zusammenzubringen, Netzwerke zu knüpfen und Zusammenarbeit zu stärken.

Dunja Robin

Dunja Robin (Netzwerkfrauen Bayern e.V.) beschreibt feministische Führungskultur als

ein Konzept, das zentrale Prinzipien wie Gleichheit, Fairness, Inklusion, Vielfalt, Respekt und Wertschätzung umfasse. Offene Kommunikation und flache Hierarchien seien für sie wesentliche Merkmale einer feministischen Organisation. Sie sagt, feministische Führung bringe nicht nur Frauen Vorteile, sondern allen Menschen, indem sie partizipative Entscheidungsprozesse und nachhaltige Strukturen ermögliche.

Dr. Hedda Ofoole Knoll

Dr. Hedda Ofoole Knoll (General Director Employers for Equality GmbH) hinterfragt den Begriff „Führung“,

da er stark mit patriarchalen und hierarchischen Strukturen verbunden sei. Sie beschreibt feministische Führung als eine Möglichkeit, die Arbeitswelt zu transformieren, indem Mehrfachdiskriminierung anerkannt und betriebswirtschaftliche Maßnahmen entsprechend angepasst würden. Ein zentrales Prinzip sei die Berücksichtigung unterschiedlicher Bedürfnisse und die Schaffung flexibler Arbeitsstrukturen.

Floria Moghimi

Floria Moghimi (Diversity and Inclusion Consultant) sagt, feministische Führungskultur bedeute 

eine kritische Reflexion über die eigene Sozialisation in patriarchalen, kapitalistischen und rassistischen Systemen. Sie hält es für notwendig, traditionelle Führungsbilder zu hinterfragen und sich mit den zugrunde liegenden Machtstrukturen auseinanderzusetzen. Feministische Führung beginne mit Selbstreflexion und ziele darauf ab, Systeme nicht nur zu erweitern, sondern sie grundlegend zu verändern.

  • Partizipation und Mitgestaltung
  • Reflexion von Machtstrukturen
  • Werteorientierung und soziale Gerechtigkeit
  • Strukturelle Veränderungen statt punktueller Maßnahmen
Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Was ist Intersektionalität?

Feministische Führungskultur geht über die Förderung von Frauen hinaus. Sie richtet sich an alle unterrepräsentierten
 Gruppen, um soziale Gerechtigkeit möglichst umfassend
 voranzubringen. Feministische Ansätze betonen die Notwendigkeit, unterschiedliche Formen von Diskriminierung sichtbar zu machen und abzubauen. Das Konzept der Intersektionalität, eingeführt von Kimberlé Crenshaw (1989), zeigt, dass sich Machtachsen wie Geschlecht, ‚race‘ und Klasse überschneiden und nicht isoliert betrachtet werden können. Schwarze und migrantische Feminist*innen weisen auf die lange Geschichte intersektionaler Kämpfe hin.

Ein fundiertes Verständnis für die Bedeutung multipler
 Machtachsen ist ein zentraler Bestandteil feministischer
 Führungskultur. Die Anerkennung trägt maßgeblich zur Gestaltung eines inklusiven und gerechten Arbeitsumfelds bei. Eine intersektionale Perspektive ermöglicht es, bestehende Machtstrukturen kritisch zu hinterfragen und nachhaltige Veränderungsprozesse anzustoßen.

Die folgende Abbildung nennt vier zentrale Fragen, die für die Analyse der Machtverteilung in Organisationen hilfreich sind. Macht wird hier verstanden als Fähigkeit von Individuen oder Gruppen, zu entscheiden oder zu beeinflussen.

 

Quelle: Batliwala (2020b): All about power: Understanding social Power und Power structures, CREA: https://creaworld.org/wp-content/uploads/2020/07/All-About-Power.pdf, [Abruf: 12.06.2025], eigene Darstellung

Am Arbeitsplatz bedeutet Intersektionalität, dass unterschiedliche Diskriminierungsformen gleichzeitig anerkannt und berücksichtigt werden. Ein Beispiel dafür könnte die Erfahrung einer schwarzen, lesbischen Frau in einem Unternehmen sein, die möglicherweise nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern auch wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung benachteiligt wird. Eine intersektionale Perspektive berücksichtigt die komplexen Wechselwirkungen zwischen diesen unterschiedlichen Aspekten. Dies hilft, gezielte Maßnahmen zu entwickeln, um die vielfältigen Barrieren, die diese Person möglicherweise erlebt, zu überwinden und eine gerechtere Arbeitsumgebung zu schaffen.

Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Was ist Macht?

Macht wurde in sozialen Bewegungen lange Zeit eher negativ betrachtet, weil sie oft mit Ungleichheit und Unterdrückung verbunden wurde. Soziale Bewegungen 
haben sich historisch gegen Machtstrukturen gestellt, die bestimmte Gruppen benachteiligen. Das Konzept der feministischen Führungskultur argumentiert ebenfalls kritisch gegenüber konventionellen Machtstrukturen, weil es sich für
 Gleichberechtigung und Gerechtigkeit einsetzt. Aber es geht einen Schritt weiter und entwickelt eine positivere Sicht auf Macht. Macht wird nicht nur als etwas Schlechtes oder Unterdrückendes betrachtet, sondern als eine produktive Möglichkeit, Veränderungen zu bewirken und gemeinsam etwas zu gestalten.

Ein wichtiger Punkt ist die Unterscheidung von Macht und Herrschaft in diesem Konzept. Herrschaft bezieht sich auf dominierende, unterdrückende Machtverhältnisse, während Macht als eine Kraft gesehen wird, die Menschen ermächtigt und für positive Veränderungen genutzt werden kann. Diese Unterscheidung hilft, den Machtbegriff flexibler auf Situationen anzuwenden, in denen Macht nicht dazu dient, andere zu kontrollieren, sondern dazu, die Beteiligten zu unterstützen und zu stärken.

Wenn in der politischen Theorie von Macht die Rede ist, wird zwischen verschiedenen Machtformen unterschieden. In der Praxis sind besonders zwei Formen relevant: Erstens die
 strukturelle Macht, der Akteur*innen unterworfen sein können, oder zweitens die Handlungsmacht, also die
 Fähigkeit, durch absichtliches Handeln Ergebnisse erzielen zu können.

Handlungsmacht kann als Schlüsselelement dienen, um eine Gesellschaft zu verändern. Gerade für Geschlechtergerechtigkeit und sozialen Wandel spielt die 
Auseinandersetzung mit Macht eine zentrale Rolle.

Strukturelle Macht wird als eine passive Form von Macht
 verstanden. Sie entsteht durch soziale Strukturen, nicht durch absichtliches Handeln. Doch da strukturelle Macht auch sozial hergestellt wird, ist sie demnach veränderbar.

Folglich gibt es keine einheitliche Machtdefinition. Verschiedene Denker*innen haben unterschiedliche Ansätze entwickelt. Srilatha Batliwala, eine feministische Aktivistin und Wissenschaftlerin, hat sich intensiv mit dem 
Machtkonzept auseinandergesetzt. Sie betrachtet Macht nicht nur als repressives Instrument, sondern auch als potenziell transformative Kraft.

In ihrem Text Feminist Leadership for Social 
Transformation: Clearing the Conceptual Cloud beschreibt sie feministische Führung als einen Prozess, der darauf abzielt, sowohl Individuen als auch Gemeinschaften und die Gesellschaft insgesamt zu verändern, um eine feministische Vision von sozialer Gerechtigkeit zu verwirklichen. Dabei betont sie die Bedeutung, andere für diese Vision des Wandels zu mobilisieren.

Batliwala unterscheidet verschiedene Machtformen:

Power Over

„Power Over“ beschreibt die konventionelle Auffassung von Macht als Kontrolle oder Dominanz oder Herrschaft über andere.

Power Under

„Power Under“ beschreibt, wie Menschen, die selbst Unterdrückung erfahren haben, in Machtpositionen unbewusst unterdrückerische Muster reproduzieren, wenn sie diese nicht kritisch reflektieren und transformieren.

Power Within

„Power Within“ ist die innere Stärke oder das Selbstbewusstsein, das Individuen befähigt, Veränderungen anzustoßen.

Power With

„Power With“ meint die Fähigkeit, durch Unterstützung Dritter Ergebnisse zu erzielen, also kollektive Macht, die durch Zusammenarbeit und Solidarität entsteht.

Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Welche nationalen und internationalen Rahmen­bedingungen gibt es?

Es gibt keine rechtliche Verpflichtung, feministische Führungskultur in Organisationen umzusetzen. Dennoch können sich Organisationen, Unternehmen und Institutionen an bestehenden gesetzlichen nationalen und internationalen Verpflichtungen orientieren.

Diese können Organisationen, die sich als kleinste Einheit für gesellschaftlichen Wandel verstehen, Orientierung bieten, um das Ziel einer nachhaltigen Veränderung in Organisationen mit einem feministischen Wertefundament zu verbinden.

Artikel 3 Absatz 2 Grundgesetz

Die Bundesrepublik Deutschland hat Gleichstellung als zentrales Ziel in der Verfassung und in politischen Strategien verankert, zum Beispiel in Artikel 3 Absatz 2 GG:

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Gender Mainstreaming in der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien (GGO)

§ 2 GGO bestimmt:

„Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist durchgängiges Leitprinzip und soll bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen der Bundesministerien in ihren Bereichen gefördert werden (Gender-Mainstreaming).“

Doch Deutschland hat nicht nur auf nationaler Ebene gesetzliche Rahmenbedingungen etabliert, sondern ist auch internationale Verpflichtungen eingegangen.

Gender Equality in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen

Auf globaler Ebene bekennt sich Deutschland etwa zur Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, insbesondere des Sustainable Development Goal 5 (SDG 5): Gleichstellung der Geschlechter.

Ziel SDG 5:

Das Ziel besteht darin, strukturelle Diskriminierung von Frauen und Mädchen zu beenden und ihre gleichberechtigte Teilhabe an politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen sicherzustellen.

Unterziel SDG 5.5:

Frauen sollen gleiche Chancen bei der Übernahme von Führungsrollen erhalten.

Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Frauen in Führung oder feministische Führung?

Repräsentation von Frauen spielt eine zentrale Rolle für die Gleichstellung der Geschlechter, sowohl in der Politik als auch in Organisationen. Dabei lassen sich zwei wesentliche Formen unterscheiden: deskriptive und substanzielle Repräsentation. Diese beiden Konzepte helfen zu verstehen, wie sich die bloße Anwesenheit von Frauen in Führungspositionen von der Förderung geschlechterspezifischer Interessen unterscheidet.

Deskriptive Repräsentation

Deskriptive Repräsentation bedeutet, dass Frauen sichtbar in Führungs- oder

Entscheidungspositionen vertreten sind. Hierbei geht es vorrangig um die zahlenmäßige Erhöhung des Frauenanteils in Führungsebenen, unabhängig davon, welche organisatorischen Maßnahmen sie umsetzen. Diese Art der Repräsentation wird oft als Female Leadership bezeichnet und fokussiert darauf, Frauen in Entscheidungspositionen zu befördern, ohne dass diese in der Folge zwingend feministische Anliegen fördern.

Substanzielle Repräsentation

Substanzielle Repräsentation hingegen bezieht sich auf die tatsächliche Vertretung der 

Interessen und Bedürfnisse von Frauen in politischen und organisatorischen Entscheidungen. Es geht nicht nur darum, Frauen in Führungspositionen zu bringen, sondern auch darum, 
sicherzustellen, dass ihre Perspektiven in Entscheidungsprozessen berücksichtigt werden. Diese Art der Repräsentation steht für eine feministische Führungskultur, die aktiv auf geschlechtergerechte Veränderungen hinwirkt.

Der Zusammenhang zwischen beiden Repräsentationsformen

Die deskriptive Repräsentation kann als Ausgangspunkt für substanzielle Repräsentation dienen. Die bloße Anwesenheit von Frauen in Führungspositionen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass geschlechtersensible Entscheidungen getroffen werden. Studien zeigen, dass ein höherer Frauenanteil in Führungspositionen dazu beitragen kann, geschlechtsspezifische Politiken umzusetzen. Jedoch ist deskriptive Repräsentation keine Garantie für substanziellen Wandel. Forschung zeigt, dass strukturelle Zwänge und politische Verpflichtungen dazu führen können, dass Frauen in Führungsrollen bestehende Machtstrukturen reproduzieren, anstatt sie zu hinterfragen.

Feministische Führungskultur

Während Female Leadership hauptsächlich auf die Erhöhung der Frauenquote abzielt, umfasst eine feministische Führungskultur eine aktive Rolle bei der Förderung von Gleichstellung. Sie strebt an:

  • Strukturelle Barrieren abzubauen
  • Intersektionale Perspektiven in Entscheidungsprozesse einzubringen
  • Eine gerechte Teilhabe aller Geschlechter sicherzustellen
Das Selbst und der „Feministische Führungs-Diamant“

Quelle: Batliwala, Srilatha und Friedman, Michel (2014): Transformative Feminist Leadership A Toolkit for Organisations and Movements: https://creaworld.org/wp-content/resources/toolkits-and-manuals/Feminist-Leadership-Toolkit.pdf, [Abruf: 12.06.2025], eigene Darstellung

Die Abbildung verbindet die handlungsleitenden Prinzipien der feministischen Führungskultur (Station 1, Lernkarte B – Was sagt die Theorie?) mit den persönlichen Erfahrungen jeder Person. Abhängig von der eigenen Geschichte und Sozialisation werden unterschiedliche Führungskräfte unterschiedliche Vorstellungen von Macht haben. Abhängig von ihren Persönlichkeitsmerkmalen werden die Führungspraktiken ausfallen. Hier wird klar, wie wichtig kontinuierliche Reflexions- und Kommunikationsprozesse bei der Anwendung dieses Führungskonzeptes sind.

Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Wie werden Frauen in Führungs­positionen dargestellt?

Eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) zeigt, dass Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten deutscher DAX-Unternehmen in den Medien häufig durch geschlechterstereotype Darstellungen charakterisiert werden. Während bei männlichen Führungskräften berufliche Kompetenzen im Vordergrund stehen, wird bei Frauen oft das Privatleben betont. Dies kann dazu führen, dass weibliche Führungskräfte anders wahrgenommen und bewertet werden, was ihre Karrierechancen beeinflussen kann.

Geschlechter­stereotype Zuschreibungen:

Frauen in Führungspositionen werden in den Medien häufiger mit familiären Attributen wie Mutter, Kind oder Familie in Verbindung gebracht. Diese Begriffe sind typisch für die Assoziation von Frauen mit Fürsorglichkeit und Familienorientierung, Eigenschaften, die traditionell weniger mit Führungspositionen verbunden sind.

Männer hingegen werden häufiger mit Begriffen aus dem Bereich Wirtschaft und Führung wie Gewinn, Kosten, Finanzvorstand oder Unternehmer assoziiert, die mit Führungsqualitäten wie Durchsetzungsvermögen und beruflichem Erfolg in Verbindung stehen.

Auswirkungen der geschlechter­stereotypen Berichterstattung:

Die häufige Betonung der familiären Situation von Frauen lenkt von ihren fachlichen Kompetenzen und beruflichen Qualifikationen ab. Dies kann dazu führen, dass Frauen in Führungspositionen weniger als kompetent oder fähig wahrgenommen werden, was bestehende Geschlechter­ungleichheiten weiter verstärkt.

Die stereotypisierte Berichterstattung kann die Wahrnehmung von Frauen in Führungspositionen negativ beeinflussen und ihre Karriereaussichten beeinträchtigen.

Forderung nach einer reflektierten Berichterstattung:

Die Untersuchung fordert, dass Medien sich ihrer Rolle als Vermittler von Geschlechterstereotypen bewusstwerden und ihre Texte auf stereotype Darstellungen überprüfen sollten, um eine gleichberechtigtere Wahrnehmung von Frauen und Männern in Führungspositionen zu fördern.

Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Was ist das Leadership Labyrinth?

Das Leadership Labyrinth beschreibt geschlechts­spezifische Hindernisse auf dem Weg in Führungspositionen. Mit diesem Modell werden die verschlungenen, oft mühsamen Pfade skizziert, die Frauen und andere marginalisierte Gruppen einschlagen müssen, um Führungspositionen zu erreichen. Im Gegensatz zur Gläsernen Decke, die eine unsichtbare, aber starre Barriere darstellt, zeigt das Labyrinth, dass der Weg zur Führung weder geradlinig noch klar ist. Stattdessen begegnen Frauen zahlreichen Umwegen, Hindernissen und Herausforderungen, die sich über ihre gesamte Karriere erstrecken können. Das Konzept verdeutlicht, dass Barrieren nicht nur an einem bestimmten Punkt auftreten, sondern Frauen kontinuierlich begleiten.

Feministische Führungs­kultur

Zurück zur Bundesstiftung Gleichstellung

Was ist der Gender Leadership Gap?

Der Gender Leadership Gap (GLG) ist ein Indikator des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. Berlin (DIW), der den Nachteil von Frauen bei der Besetzung hoher Führungspositionen misst. Der Gender Leadership Gap beschreibt die deutliche Ungleichheit zwischen dem Anteil von Männern und Frauen in Führungspositionen weltweit. Laut des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung lag er 2022 bei 0,61 in der 1. Führungsebene und bei 0,80 in der 2. Führungsebene. Der Gender Leadership Gap würde den Wert 1 betragen, wenn die Repräsentanz von Frauen und Männern in Führungspositionen ausgeglichen wäre.

Obwohl Frauen fast die Hälfte der Arbeitskräfte stellen und oft sehr gut ausgebildet sind, erreichen sie Spitzenpositionen viel 
seltener als Männer. Diese Kluft zeigt sich nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Politik, Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Der GLG errechnet die Differenz zwischen dem Frauenanteil unter allen Beschäftigten und dem in Führungspositionen. Hätten Frauen die gleichen Chancen wie Männer, dürfte es keinen Unterschied geben. Ein größerer GLG bedeutet, dass Frauen schwerer in Führungsrollen gelangen.

Der GLG lässt sich für einzelne Organisationen oder Branchen berechnen, um zu ermitteln, wo genau Frauen den größten Nachteil oder Vorteil gegenüber Männern haben. In bestimmten Branchen ist der Gender Leadership Gap besonders groß, z.B. in der Finanzbranche.

Der geringe Frauenanteil in Führungspositionen trägt wesentlich zur Verdienstlücke (Gender Pay Gap) zwischen Frauen und Männern bei. Auch wenn dieser 2024 im Vergleich zum Vorjahr von 18 % auf 16 % gesunken ist, bleibt er sehr hoch.