Was ist Macht?
Macht wurde in sozialen Bewegungen lange Zeit eher negativ betrachtet, weil sie oft mit Ungleichheit und Unterdrückung verbunden wurde. Soziale Bewegungen haben sich historisch gegen Machtstrukturen gestellt, die bestimmte Gruppen benachteiligen. Das Konzept der feministischen Führungskultur argumentiert ebenfalls kritisch gegenüber konventionellen Machtstrukturen, weil es sich für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit einsetzt. Aber es geht einen Schritt weiter und entwickelt eine positivere Sicht auf Macht. Macht wird nicht nur als etwas Schlechtes oder Unterdrückendes betrachtet, sondern als eine produktive Möglichkeit, Veränderungen zu bewirken und gemeinsam etwas zu gestalten.
Ein wichtiger Punkt ist die Unterscheidung von Macht und Herrschaft in diesem Konzept. Herrschaft bezieht sich auf dominierende, unterdrückende Machtverhältnisse, während Macht als eine Kraft gesehen wird, die Menschen ermächtigt und für positive Veränderungen genutzt werden kann. Diese Unterscheidung hilft, den Machtbegriff flexibler auf Situationen anzuwenden, in denen Macht nicht dazu dient, andere zu kontrollieren, sondern dazu, die Beteiligten zu unterstützen und zu stärken.
Wenn in der politischen Theorie von Macht die Rede ist, wird zwischen verschiedenen Machtformen unterschieden. In der Praxis sind besonders zwei Formen relevant: Erstens die strukturelle Macht, der Akteur*innen unterworfen sein können, oder zweitens die Handlungsmacht, also die Fähigkeit, durch absichtliches Handeln Ergebnisse erzielen zu können.
Handlungsmacht kann als Schlüsselelement dienen, um eine Gesellschaft zu verändern. Gerade für Geschlechtergerechtigkeit und sozialen Wandel spielt die Auseinandersetzung mit Macht eine zentrale Rolle.
Strukturelle Macht wird als eine passive Form von Macht verstanden. Sie entsteht durch soziale Strukturen, nicht durch absichtliches Handeln. Doch da strukturelle Macht auch sozial hergestellt wird, ist sie demnach veränderbar.
Folglich gibt es keine einheitliche Machtdefinition. Verschiedene Denker*innen haben unterschiedliche Ansätze entwickelt. Srilatha Batliwala, eine feministische Aktivistin und Wissenschaftlerin, hat sich intensiv mit dem Machtkonzept auseinandergesetzt. Sie betrachtet Macht nicht nur als repressives Instrument, sondern auch als potenziell transformative Kraft.
In ihrem Text Feminist Leadership for Social Transformation: Clearing the Conceptual Cloud beschreibt sie feministische Führung als einen Prozess, der darauf abzielt, sowohl Individuen als auch Gemeinschaften und die Gesellschaft insgesamt zu verändern, um eine feministische Vision von sozialer Gerechtigkeit zu verwirklichen. Dabei betont sie die Bedeutung, andere für diese Vision des Wandels zu mobilisieren.
Batliwala unterscheidet verschiedene Machtformen:
Power Over
„Power Over“ beschreibt die konventionelle Auffassung von Macht als Kontrolle oder Dominanz oder Herrschaft über andere.
Power Under
„Power Under“ beschreibt, wie Menschen, die selbst Unterdrückung erfahren haben, in Machtpositionen unbewusst unterdrückerische Muster reproduzieren, wenn sie diese nicht kritisch reflektieren und transformieren.
Power Within
„Power Within“ ist die innere Stärke oder das Selbstbewusstsein, das Individuen befähigt, Veränderungen anzustoßen.
Power With
„Power With“ meint die Fähigkeit, durch Unterstützung Dritter Ergebnisse zu erzielen, also kollektive Macht, die durch Zusammenarbeit und Solidarität entsteht.
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Wissens-Check machenQuellen
Abizadeh, Arash (2021): The Power of Numbers: On Agential Power-With-Others Without Power-Over-Others, https://doi.org/10.1111/papa.12197 (Abruf: 24.01.2025).
Batliwala, Srilatha (2011): Feminist Leadership for Social Transformation. Clearing the Conceptual Cloud, CREA, https://creaworld.org/wp-content/uploads/2020/11/feminist-leadership-clearing-conceptual-cloud-srilatha-batliwala.pdf (Abruf: 24.01.2025).