Geschlechterverhältnisse in Strukturwandelregionen

Wechselwirkungen, Herausforderungen, gleichstellungspolitische Handlungsansätze

Der tiefgreifende Strukturwandel, der viele Regionen in der Bundesrepublik Deutschland prägt, stellt Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor große Herausforderungen. In der politischen Gestaltung des Strukturwandels beobachten wir jedoch, dass Geschlechterfragen an vielen Stellen übersehen werden – obwohl gleichstellungspolitische Akteur*innen in den Regionen seit Langem auf ihre Bedeutung hinweisen. Vor diesem Hintergrund ist die vorliegende Expertise entstanden.

Expertise | Veröffentlicht am 18.09.2025
Autorin: Dr. Virginia Kimey Pflücke | Herausgeberin: Bundesstiftung Gleichstellung

Inhaltsverzeichnis Auszug

Ausgewählte zentrale Erkenntnisse

  • Der Vergleich von drei Braunkohlerevieren – des Rheinischen Revier, des Lausitzer Revier und des Mitteldeutschen Revier – zeigt deutliche geschlechtsbezogene Ungleichheiten im Bereich Erwerbs- und Sorgearbeit: Mütter mit kleinen Kindern sind in allen Regionen seltener erwerbstätig, Frauen sind häufiger in Minijobs oder Teilzeit beschäftigt und erzielen im Durchschnitt geringere Einkommen als Männer. Dies wirkt sich auf Erwerbschancen und die soziale Absicherung aus und erhöht das Risiko von Altersarmut.
  • Dabei zeigt die Analyse große regionale Differenzen sowie Unterschiede zwischen den ost- und westdeutschen Revieren. Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel ist kein verallgemeinerbares, sondern ein regional stark differenziertes Thema.
  • Die Braunkohlereviere sind von einer negativen Bevölkerungsentwicklung geprägt, wodurch sich Lücken auf dem Arbeitsmarkt auf nahezu allen Qualifikationsniveaus verstärken. Die starke demografische Alterung wirft Fragen nach der Organisation von Sorgearbeit und Pflege und gesellschaftlicher Teilhabe auf. Besonders im Lausitzer Revier ist eine überdurchschnittlich hohe Abwanderung von Frauen zu beobachten.
  • Dennoch: Der Fokus auf die Schaffung und den Erhalt von Industriearbeitsplätzen und das Ideal männlich gedachter Industriearbeit prägen weiterhin den politischen und öffentlichen Strukturwandeldiskurs. In zentralen Dokumenten, medialen Narrativen und politischen Strategien des Strukturwandels bleiben gleichstellungsrelevante Aspekte bislang weitgehend unberücksichtigt. Die gegenwärtige Gestaltung von Strukturwandelpolitik läuft damit Gefahr, Geschlechterungleichheiten zu vernachlässigen oder sogar zu verschärfen.

Handlungsempfehlungen

  • Geschlechterverhältnisse sind kein nachgelagertes Thema regionaler Transformation: Sie betreffen den Zugang zu Erwerbsarbeit, die Verteilung unbezahlter und bezahlter Sorgearbeit, die Chance auf gleichberechtige politische Repräsentation und Verbleibchancen von Menschen in einer Region. Gleichstellung erweist sich als eine zentrale Bedingung nachhaltiger und erfolgreicher Strukturentwicklung.
  • Um Gleichstellung als Querschnittsziel in Strukturpolitik zu verankern, braucht es eine systematische Integration gleichstellungspolitischer Instrumente, die Definition von verbindlichen Gleichstellungsindikatoren in Förderprogrammen sowie eine paritätische Besetzung von Entscheidungs- und Beratungsgremien.
  • Eine gleichstellungsorientierte Strukturwandelpolitik nimmt Arbeits- und Lebensverhältnisse ganzheitlich in den Blick. Sie begreift soziale Dienstleistungen, Bildung, Pflege, Kultur und Daseinsvorsorge als gleichwertige Säulen regionaler Entwicklung.
  • Für einen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Strukturwandel braucht es auch einen kulturellen Wandel: Leitbilder und Entscheidungsstrukturen müssen hinterfragt und neue Narrative und politische Strategien gefunden werden, die geschlechtergerechte und lebenswerte Regionen für alle Menschen fördern, intersektionale Ungleichheiten in den Blick nehmen und Transformationsprozesse als Chance für die Gestaltung von zukunftsfähigen Regionen begreifen.

Methode und Vorgehen

Die Expertise analysiert zentrale Dimensionen geschlechtsspezifischer Ungleichheiten in den drei Braunkohlerevieren: Rheinisches Revier, Lausitzer Revier und Mitteldeutsches Revier. Sie verbindet eine quantitative Analyse von Gleichstellungsindikatoren aus den Bereichen Erwerbsarbeit, Einkommen und soziale Absicherung auf regionaler Ebene mit einer qualitativen Analyse von Narrativen und politischen Leitbildern im Kontext von Strukturwandel und leitet daraus Herausforderungen und Handlungsempfehlungen ab.