Fachtag „In guter Gesellschaft?! Gleichstellungspolitische Chancen und Herausforderungen in Strukturwandelregionen“
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Am 18. und 19. September 2025 fand der Fachtag „In guter Gesellschaft?! Gleichstellungspolitische Chancen und Herausforderungen in Strukturwandelregionen“ in der Bundesstiftung Gleichstellung statt. Zwei Tage lang diskutierten rund 75 Teilnehmende aus Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft über Umsetzung, Gelingensbedingungen und Herausforderungen von Gleichstellung im Kontext von Strukturwandelprozessen. Ein zentraler Baustein des Fachtages war die erstmalige Vorstellung der Expertise „Geschlechterverhältnisse in Strukturwandelregionen. Wechselwirkungen, Herausforderungen, gleichstellungspolitische Handlungsansätze“ durch die Autorin Dr. Virginia Kimey Pflücke.
Moderiert wurde die Veranstaltung von Sarah Clasen, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundesstiftung Gleichstellung.
Lisi Maier, Direktorin der Bundesstiftung Gleichstellung, hieß die Teilnehmenden des Fachtages in ihrer Begrüßung im offenen Haus der Bundesstiftung Gleichstellung willkommen und hob das Potential, das in Strukturwandelprozessen liege, hervor: die Chance, eine gemeinsame Vision für ein gleichberechtigtes Zusammenleben zu entwickeln.
Kerstin Griese, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, hob in ihrem Grußwort die nach wie vor bestehenden geschlechtsspezifischen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt hervor – insbesondere in den Bereichen Berufswahl, Beschäftigungsquoten und Teilhabe an Weiterbildungsangeboten. Sie betonte: „Es braucht regionale Netzwerke und Verbindungen, damit Strukturwandel als Chance für mehr Geschlechtergerechtigkeit realisiert werden kann. Dafür müssen wir uns gemeinsam einsetzen.“
Den inhaltlichen Auftakt bildete ein Impuls von Mona Lach und Lukas Zielinski, wissenschaftliche Mitarbeitende der Bundesstiftung Gleichstellung, die einen Überblick zum Stand der Gleichstellung in der Bundesrepublik Deutschland gaben. Tatsächliche Gleichberechtigung benötige messbare Ziele und wirksame gleichstellungspolitische Instrumente – wie die Gleichstellungsberichte der Bundesregierung, den Gleichstellungsatlas oder die Europäische Charta zur Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene, an deren Erarbeitung und Umsetzung auch die Bundesstiftung Gleichstellung mitwirkt. Anhand ausgewählter Gleichstellungsindikatoren verdeutlichte der Eingangsimpuls bestehende Lücken und Handlungsbedarfe in der Gleichstellungspolitik.
Vorstellung der Expertise „Geschlechterverhältnisse in Strukturwandelregionen: Wechselwirkungen, Herausforderungen, gleichstellungspolitische Handlungsansätze“
Ein zentrales Element des Fachtags war die Vorstellung der von der Bundesstiftung Gleichstellung in Auftrag gegebenen Expertise „Geschlechterverhältnisse in Strukturwandelregionen: Wechselwirkungen, Herausforderungen, gleichstellungspolitische Handlungsansätze“ durch die Autorin, Dr. Virginia Kimey Pflücke (Postdoktorandin und Akademische Mitarbeiterin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg). Sie betonte, dass Strukturwandelprozesse umfassender betrachtet werden müssen, als in der bisherigen Debatte üblich sei. In ihrer Expertise kombiniert Dr. Virginia Kimey Pflücke quantitative und qualitative sozialwissenschaftliche Ansätze, um geschlechtsbezogene Ungleichheiten in drei Braunkohlerevieren – dem Rheinischen Revier, dem Lausitzer Revier und dem Mitteldeutschen Revier – zu analysieren. Dabei zeigen sich in den Dimensionen Erwerbsbeteiligung, Einkommen und demografische Entwicklung nicht nur große Gleichstellungslücken, sondern auch deutliche regionale Unterschiede.
Als zentrale Herausforderung identifiziert die Expertise die Notwendigkeit, Arbeits- und Lebensverhältnisse in Strukturwandelregionen ganzheitlich in den Blick zu nehmen. Strukturwandelpolitik müsse diverser ausgerichtet werden, über die Fokussierung industrieller Wertschöpfung hinausgehen und die Governance des Strukturwandels müsse gleichstellungspolitische Instrumente einbeziehen. Die Expertise finden Sie hier zum Download.
Im Anschluss an die Präsentation wurden zentrale Erkenntnisse der Expertise im Plenum diskutiert. Die Teilnehmenden dankten der Autorin für die Sichtbarmachung der Zusammenhänge zwischen Strukturwandel und Geschlechterverhältnissen sowie für die empirischen Belege, die nun genutzt werden können, um gleichstellungspolitische Forderungen zu untermauern. Diskutiert wurde über die Beständigkeit und den Wandel vorherrschender industrieller Leitbilder in der Strukturwandelbewältigung, über regionale Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sowie über die Übertragbarkeit der Erkenntnisse auf das Saarland als Strukturwandelregion. Mit der Expertise liegt nun eine wissenschaftlich fundierte Grundlage vor, die die Erfahrungen und Beobachtungen vieler Gleichstellungsbeauftragter vor Ort bestätigt und Gleichstellungsarbeit sowie -politik damit inhaltliche und argumentative Stärke verleiht und die Gleichstellungsforschung stärkt.
Praxisbeispiele und Diskussionen in Workshops
An beiden Tagen hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, in drei parallel angebotenen Workshops zu spezifischen Themenfeldern und verschiedenen Perspektiven von Gleichstellung in Strukturwandelregionen zu arbeiten.
Der Workshop „Mit vereinten Kräften für einen geschlechtergerechten Strukturwandel – Gelingensbedingungen für Bündnisse und Netzwerke“, moderiert von Anne-Gret Trilling, Mitarbeiterin der Bundesstiftung Gleichstellung, widmete sich der Frage, wie starke Bündnisse in Strukturwandelregionen aufgebaut werden können. Korina Jenßen vom Bündnis Gleichstellung Lausitz, Lisa Mindthoff von Wir sind Fella e.V. und Anna Schlütz vom Projekt Revierwende des DGB stellten ihre Erfahrungen und Perspektiven aus der Praxis vor. (Die Präsentationen zum Workshop stehen Ihnen zum Download zur Verfügung).
Im Workshop „Rahmung von Strukturwandelprozessen: Leitbilder, Geschlecht und Care im Strukturwandel“, moderiert von Mona Lach, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundesstiftung Gleichstellung, diskutierten die Teilnehmenden prägende Leitbilder von Strukturwandelprozessen und deren Erweiterung um Gleichstellungs- und Care-Perspektiven. Dr. Paula Walk, Referentin im Brandenburgischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz, und Vivien Eichhorn von Wertewandel e.V. gaben in Impulsvorträgen Einblicke in wissenschaftliche Forschung und zivilgesellschaftliche Praxis zu Rahmungen von Strukturwandelprozessen.
Der Workshop „Sozial-ökologische Transformation in Kommunen gestalten: Gleichstellung und Klimapolitik zusammendenken“, moderiert von Dr. Johanna Storck, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundesstiftung Gleichstellung, beleuchtete, wie Maßnahmen der Klimapolitik geschlechtergerecht gestaltet und Kooperationen zwischen Gleichstellungs- und Klimaschutzakteur*innen auf kommunaler Ebene gestärkt werden können. Dazu stellte Pat Bohland von LIFE e.V. ein Forschungsprojekt zur geschlechtergerechten Gestaltung von Klimaschutzmaßnahmen vor. Sina Englert von der Stadt Rüsselsheim, Lina-Luise Hölter von der Stadt Oldenburg und Simone Krischke vom Referat für Klima- und Umweltschutz der Stadt München lieferten mit Beispielen aus der Kommunalarbeit konkrete Anknüpfungspunkte für die Praxis.
Den ersten Tag des Fachtages rundete ein kulturelles Abendprogramm ab: Katharina Linnepe las aus ihrem aktuellen Buch ‚Wenn das Patriarchat in Therapie geht‘. Mit einem humorvollen und zugleich kritischen Blick auf die Geschlechterverhältnisse bot der Beitrag die Möglichkeit zur Reflexion und zum Ausklang des ersten Tages.
Paneldiskussion: „Wie schaffen wir eine geschlechtergerechte und gute Zukunft in Strukturwandelregionen?“
Nach der zweiten Workshop-Phase am zweiten Tag diskutierten im Rahmen einer Paneldiskussion Dr. Virginia Kimey Pflücke, Akademische Mitarbeiterin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, Katja Henze, kommunale Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Weißenfels und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Gleichstellungsstellen und Frauenbüros, Dr. Tessa Hillermann, Referatsleitung im Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit Saarland, Sok Kierng Elisa Ly, Referentin für Jugendbildung und -beteiligung beim Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland DaMOst e.V. und Franziska Rauchut, Co-Leitung des Bereichs Wissen, Beratung und Innovation der Bundesstiftung Gleichstellung, zentrale gleichstellungsrelevante Herausforderungen und konkrete Umsetzungspraktiken für eine geschlechtergerechte Gestaltung von Strukturwandelprozessen.
Die Diskussion verdeutlichte zunächst, dass Lebensverhältnisse in ihrer Vielfalt, Care-Arbeit, Migration und demokratische Kultur in Strukturwandelprozessen vielfach unterbelichtet bleiben, obwohl hier wichtige Gelegenheitsfenster entstehen. Die Panelist*innen betonten, dass Verwaltung die Folgen von Strukturwandel für Gleichstellung aktiv steuern müsse. Kritisch hinterfragt wurden technik- und industriezentrierte Strategien, die bestehende Ungleichheiten verschärfen könnten, etwa durch die Priorisierung männlich dominierter Industrieberufe. Auch das Thema Migration wurde aufgegriffen: Fachkräftegewinnungsstrategien müssen mit Antirassismus und fairen Arbeitsbedingungen verzahnt werden, um tatsächliche Teilhabe zu ermöglichen.
Die kommunale Perspektive spielte eine zentrale Rolle in der Diskussion. Heterogene Rechtslagen, knappe Ressourcen und fehlende Daten erschweren gleichstellungsorientierte Governance auf kommunaler und regionaler Ebene. Daseinsvorsorge – von Kinderbetreuung bis Geburtsstationen – ist entscheidend für die Attraktivität von Regionen und müsse bei der Mittelvergabe in Strukturwandelmaßnahmen mitgedacht werden. Diskutiert wurde auch die Bedeutung von Sprache und Narrativen: Fachsprachliche Präzision sei notwendig, zugleich brauche es anschlussfähige Erzählungen, um breite Bündnisse zu bilden.
Abschließend wurden konkrete Empfehlungen formuliert: Gleichstellung solle verbindlich in Strategien, Programmen, Vergaben und Monitoringsystemen verankert werden. Gefordert wurden intersektionale, geschlechterdifferenzierte Datenanalysen, paritätisch besetzte Gremien sowie die Stärkung kommunaler Gleichstellungsstellen. Forschung, Vernetzung und Transfer zu geschlechtergerechtem Strukturwandel solle verstetigt werden.
Resümee
Der Fachtag „In guter Gesellschaft?! Gleichstellungspolitische Chancen und Herausforderungen in Strukturwandelregionen“ integrierte Forschungsergebnisse und Praxiswissen. Er bot ein Forum für fachliche Diskussionen, den Transfer aktueller, evidenzbasierter Erkenntnisse sowie für die Vernetzung relevanter Akteur*innen.
Die beiden Tage endeten mit einem Resümee von Franziska Rauchut, Co-Leitung des Bereichs Wissen, Beratung und Innovation der Bundesstiftung Gleichstellung, in dem sie verdeutlichte: Strukturwandelpolitik muss soziale, geschlechter- und demokratiepolitische Dimensionen von Anfang an mitdenken und regionale Unterschiede ernst nehmen, um Ungleichheiten nicht zu reproduzieren. Neben Parität in Entscheidungs- und Beratungsgremien und dem Ausbau von Care-Infrastruktur brauche es dazu geschlechtersensible Förderkriterien und Instrumente wie Gender Budgeting, Gleichstellungsberichte und -checks. „Strukturwandelprozesse sind geprägt von komplexen Herausforderungen und vielfältigen Gelegenheitsfenstern. Der Blick durch diese Fenster muss intersektional, nachhaltig, geschlechtergerecht und demokratisch geprägt sein, um eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen und alle Geschlechter abzusichern“, so Franziska Rauchut.
Das Team der Bundesstiftung Gleichstellung dankt allen Referent*innen und Aktiven sowie allen Teilnehmenden für ihre engagierten Beiträge.
Eindrücke der Veranstaltung
- Foto: Heidi Scherm
- Rechte: Bundesstiftung Gleichstellung
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