Mehr Zeit für das, was wirklich zählt: Rückblick auf den digitalen Ergebnissalon der Optionszeitenlabore

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Wie wollen wir in Zukunft arbeiten und leben? In einer Zeit multipler Krisen werden Fragen von Zeit, Arbeit und Fürsorge immer drängender. Aktuelle Arbeitszeitdebatten greifen Sorgearbeit, zivilgesellschaftliches Engagement und Gleichstellung häufig nur unzureichend auf. Genau hier setzten die Optionszeitenlabore an – und feierten nun mit dem digitalen Ergebnissalon ihren Abschluss.

Über drei Jahre hinweg brachten die Bundesstiftung Gleichstellung und die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik (DGfZP) Akteur*innen aus Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um in drei zweitägigen Laboren intensiv zu diskutieren, wie eine neue gleichstellungsorientierte Zeitpolitik konkret aussehen kann – von der betrieblichen Umsetzbarkeit bis hin zum Stärken des zivilgesellschaftlichen Engagements.

Von der offenen Suchbewegung zu den konkreten Werkzeugen
Zum Auftakt des Salons betonte Direktorin Lisi Maier, wie wegweisend das Kooperationsprojekt für die Bundesstiftung Gleichstellung war. Es habe nicht nur neue zeitpolitische Netzwerke eröffnet und wichtige Impulse für die gleichstellungspolitische Debatte gesetzt, sondern gezeigt: Zeitpolitik löst positive Zukunftsvorstellungen aus und macht neue Vorstellungen von Arbeit, Sorge und gesellschaftlichem Zusammenhalt greifbar.

6 Erkenntnisse für eine neue gleichstellungsorientierte Zeitpolitik
Die geistigen „Eltern“ des Modells, Dr. Karin Jurczyk und Prof. Ulrich Mückenberger, stellten in einem gemeinsamen Impuls die zentralen Lehren aus den Laboren vor. Sechs Punkte kristallisierten sich dabei besonders heraus:

  1. Gleichstellung, Care und Zeitpolitik gehören untrennbar zusammen: Gerade in Krisenzeiten braucht es Modelle, die nicht „einfach nur“ freie Zeit fordern. Ziel muss eine geschlechtergerechte Umverteilung von Zeit und Arbeit über den gesamten Lebensverlauf sein.
  2. Gleichstellung braucht starke Rahmenbedingungen: Damit das Modell tatsächlich gleichstellungspolitisch wirkt, braucht es personengebundene Ziehungsrechte, soziale Absicherung, Entgeltersatz, eine verlässliche Care-Infrastruktur und eine kohärente Gleichstellungspolitik.
  3. Die betriebliche Umsetzung ist machbar: Eine zeitbewusste Personalplanung, intelligente Vertretungsregelungen und gute Qualifizierungsstrukturen machen das Modell in Betrieben realisierbar.
  4. Engagement ist Sorgearbeit: Zivilgesellschaftliches Engagement wurde als essenzielle soziale Sorge („social care“) sichtbar, die dringend aufgewertet werden muss, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Resilienz zu sichern.
  5. Befreiung aus der Bürokratie-Falle: Ein transparentes, digitales Zeitkonto bündelt unübersichtliche Einzelregelungen, macht Rechte zugänglich und schafft neue Freiheits- und Selbstbestimmungsspielräume.
  6. Koproduktion wirkt: Das Laborformat selbst hat sich als hochproduktive Methode erwiesen, um Wissen gemeinsam zu entwickeln.


Aus der Praxis: Die nächsten Schritte
Was die Teilnehmenden aus den Laboren mitgenommen haben, welche nächsten Schritte erforderlich sind und welche Bündnispartner*innen es in Zukunft braucht, diskutierten die Teilnehmenden anschließend in drei themenzentrierten Breakout-Räumen.

  1. Fokus Gleichstellung: Karin Jurczyk berichtete aus der Gruppe, die sich dem ersten Optionszeitenlabor widmete. In der Gruppe wurde besonders die Ganzheitlichkeit des Modells hervorgehoben. Es verbindet Zeit, Care und Gleichstellung und eröffnet damit eine Perspektive, die über kleinteilige Reformen hinausweist. Als nächster Schritt wurde vorgeschlagen, ein modulares Stufenmodell weiter zu konkretisieren und dieses in Pilotprojekten (etwa in Vorreiterbetrieben oder bestimmten Bundesländern) zu erproben. Auch die Gleichstellungs- und Frauenminister*innenkonferenz (GFMK) wurde als zentrale politische Anknüpfungsstelle benannt.
  2. Fokus Betriebliche Umsetzung: Ulrich Mückenberger berichtete aus der Gruppe, die sich dem zweiten Optionszeitenlabor widmete. Hier stand die Frage im Mittelpunkt, wie Care und Erwerbsarbeit unter Bedingungen von Geschlechtergerechtigkeit besser vereinbar gemacht werden können. Die Diskussion zeigte, dass es bereits gute betriebliche Ansätze gibt, etwa Vertretungsmodelle, Qualifizierungsstrukturen und flexible Arbeitszeitregelungen. Diese Best-Practice-Beispiele sollten systematischer gesammelt und weiterentwickelt werden. Zugleich wurde betont, dass das Optionszeitenlabor selbst bereits ein Modell für neue Allianzen ist, weil es Akteur*innen aus unterschiedlichen Bereichen an einen Tisch bringt.
  3. Fokus Zivilgesellschaftliches Engagement: Pauline Ahlhaus berichtete aus der Gruppe zum dritten Optionszeitenlabor. Diese Gruppe diskutierte, dass Engagement ein wichtiges Zugpferd sein kann, um auch diejenigen von der Relevanz von Sorgearbeit zu überzeugen, die Care bisher vor allem im familiären Kontext denken. Zivilgesellschaftliches Engagement findet in Vereinen, Initiativen, Kommunen und demokratischen Strukturen statt und ist gerade in Zeiten von Demokratieabbau und Antifeminismus unverzichtbar. Zugleich wurde deutlich, dass die Definition von zivilgesellschaftlichem Engagement weiter geschärft werden muss. Wenn daraus konkrete Zeitrechte entstehen sollen, braucht es nachvollziehbare Kriterien und politische Klarheit. Als nächster Schritt wurde besonders die Kommunikation des Modells hervorgehoben. Das Optionszeitenmodell muss verständlich, anschlussfähig und politisch wirksam vermittelt werden. Dabei sollten auch wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Argumente stärker genutzt werden, etwa Fachkräftesicherung, Gesundheit, Produktivität, Geburtenraten und langfristige Erwerbsbeteiligung.


Neue Allianzen für die Zukunft
Zum Abschluss des Salons weiteten zwei Gäste den Blick auf ergänzende Initiativen und Projekte: Hanna Völke von der EAF Berlin  berichtete von wissenschaftlichen Vernetzungen und Publikationen, die aus den Optionszeitenlaboren entstanden sind. Dazu zählt ein Schwerpunktheft der Fachzeitschrift Femina Politica zu Theorien und Politiken der Zeit. Sigrid Andersen von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie stellte hingegen die „dynamische Familienarbeitszeit“ vor – ein familienpolitisches Instrument, das an das Elterngeld anknüpft und Eltern helfen soll, Erwerbsarbeit in der frühen Familienphase gleichmäßiger aufzuteilen und damit langfristig traditionelle Arbeitsteilungsmuster aufzubrechen.

Ausblick: Die Arbeit geht weiter!
Mit einem großen Dank an alle Beteiligten kündigten Karin Jurczyk und Ulrich Mückenberger an, die zentralen Erkenntnisse aus den Laboren demnächst in einem umfassenden Memorandum festzuhalten.

Der Ergebnissalon machte eines überdeutlich: Die Optionszeitenlabore enden, aber die zeitpolitische Arbeit geht weiter. Das Modell bleibt ein produktiver, visionärer Entwurf, um Erwerbsarbeit, Care und Gleichstellung völlig neu und vor allem zusammen zudenken. Es eröffnet eine Debatte darüber, wie Zeit gerechter verteilt, gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt und Gleichstellungspolitik zukunftsfähig gestaltet werden kann.

Die Bundesstiftung Gleichstellung bleibt am Ball: Beim Gleichstellungstag 2026 geht die Debatte in die nächste Runde. Im Rahmen einer hochkarätig besetzten Panel-Diskussion werden wir die Zukunft der Zeitpolitik und die Wege zu mehr Zeitgerechtigkeit weiter vertiefen. Wir freuen uns auf den gemeinsamen Austausch mit der Publizistin Teresa Bücker, dem Bundestagsabgeordneten Ralph Edelhäußer (CDU/CSU), dem Forschungsdirektor Prof. Dr. Martin Bujard sowie Franziska Rauchut aus der Bundesstiftung Gleichstellung.

Eindrücke der Veranstaltung