Unsichtbare Grenzen sichtbar machen: Filmabend und Gespräch zu (IN)VISIBLE LINES
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Ein Abend Female Gaze im Offenen Haus für Gleichstellung: Am 28. April 2026 lud die Bundesstiftung Gleichstellung gemeinsam mit dem Netzwerk „Preis Frauen Europas“ der Europäischen Bewegung Deutschland zu einem Filmabend mit anschließendem Gespräch ein. Der Dokumentarfilm (IN)VISIBLE LINES von Paula Boden und Lena Boden begleitet geflüchtete Frauen in Deutschland und thematisiert die Grenzen, die ihr Ankommen prägen – auch wenn diese nicht auf Landkarten eingezeichnet sind.
Die Bundesstiftung Gleichstellung befasst sich intensiv mit den Wechselwirkungen von Migration, Integration und Geschlechtergerechtigkeit, wie Direktorin Lisi Maier in ihrer Begrüßung darlegte. So zeigt die Studie „Geschlechtergerechtigkeit im Aufenthaltsrecht?”, wie rechtliche Rahmenbedingungen Teilhabechancen entlang des Lebensverlaufs beeinflussen und an welchen Stellen strukturelle Ungleichheiten fortbestehen.
Linn Selle, ehemalige Präsidentin der Europäischen Bewegung Deutschland, betonte die Bedeutung einer menschenrechtsbasierten Asyl- und Migrationspolitik und wies auf den seit 35 Jahren vergebenen „Preis Frauen Europas” der Europäischen Bewegung Deutschland hin, der ehrenamtliches Engagement für Demokratie, Menschenrechte und ein geeintes Europa würdigt. Zahlreiche Preisträgerinnen der vergangenen Jahre hatten selbst Fluchterfahrungen und diese in ihr europapolitisches Engagement integriert.
(IN)VISIBLE LINES versteht sich als Gegenerzählung zu einem öffentlichen Migrationsdiskurs, der in Europa immer weniger menschenrechtsorientiert geführt wird. Der Film begleitet sieben Frauen, die in Deutschland Schutz gesucht haben, und verbindet die Rhythmen ihres Alltags mit den Anforderungen, sich in europäischer Bürokratie und deutscher Gesellschaft zu orientieren. Im Mittelpunkt des Films stehen bürokratische Hürden, rechtliche Unsicherheiten, Sprachbarrieren, Diskriminierung, enge Wohnverhältnisse, fehlende Anerkennung von Abschlüssen und geschlechtsbezogene Herausforderungen im Alltag. Zugleich erzählt der Film von Handlungsmacht, Fürsorge, beruflichen Ambitionen und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Gerade darin liegt seine Stärke: Er porträtiert geflüchtete Frauen nicht als passive Betroffene, sondern als Akteurinnen mit Fähigkeiten, Wissen, Wünschen und eigenen Zukunftsentwürfen.
Aus gleichstellungspolitischer Perspektive ist besonders relevant, dass der Film Migration als biografische Weichenstellung sichtbar macht. Die Gleichstellungsberichte der Bundesregierung betonen, dass sich Ungleichheiten häufig an Übergängen im Lebensverlauf verdichten. Dazu zählen insbesondere Bildungsentscheidungen, der Einstieg in den Arbeitsmarkt, Phasen der Familiengründung sowie berufliche Neuorientierungen. (IN)VISIBLE LINES zeigt, dass Migration diese Übergänge unterbricht, verzögert oder neu strukturiert.
Der Film zeigt zudem, dass sich Ungleichheiten insbesondere in Übergangsphasen kumulieren können. Spracherwerb fällt häufig mit Care-Verantwortung zusammen, der Zugang zum Arbeitsmarkt wird durch rechtliche Unsicherheiten verzögert und familiäre Verpflichtungen wirken sich auf Bildungs- und Erwerbsverläufe aus. Migration erscheint somit als ein Faktor, der bestehende Ungleichheiten entlang des Lebensverlaufs verstärken kann.
Neben den Perspektiven der Protagonistinnen als Expertinnen ihrer eigenen Erfahrungen im deutschen und europäischen Migrationssystem fließt auch die Expertise von Akteur*innen aus dem bundesdeutschen gleichstellungs- und migrationspolitischen Politik- und Nichtregierungsdiskurs ein: Es kommen Sophie Scheytt (Amnesty International), Wiebke Judith (PRO ASYL), Franziska Rauchut (Bundesstiftung Gleichstellung) und Dr. Delal Atmaca (DaMigra) zu Wort. Sie ordnen die individuellen Erfahrungen in größere Zusammenhänge ein und verweisen auf strukturelle Herausforderungen im europäischen Migrationssystem. Dadurch entsteht kein homogenes Narrativ, sondern ein vielstimmiger Raum, in dem sich individuelle Erfahrungen, institutionelle Sprache und politische Deutungen überlagern.
Ästhetisch arbeitet der Film mit großer Zurückhaltung, wie die Filmemacherinnen Paula Boden und Lena Boden im Gespräch deutlich machen. Die Kamera bleibt nah an den Protagonistinnen, ohne sie zu vereinnahmen. Diese visuelle Strategie ist als bewusste Arbeit mit einem Female Gaze zu verstehen, der sich sowohl in der Bildgestaltung als auch in den Produktionsentscheidungen widerspiegelt.
Im Anschluss an das Filmscreening kamen die Filmemacherinnen ins Gespräch mit der Protagonistin Nazanin, Marie von Manteuffel (Preisträgerin Frau Europas 2025 und Policy Advisor im Bereich humanitäre Hilfe für Caritas International) sowie Franziska Rauchut (Leitung des Bereichs Wissen, Beratung, Innovation der Bundesstiftung Gleichstellung). In dem von Pauline Hachenberg (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Wissen, Beratung, Innovation) moderierten Austausch wurde deutlich, dass Sprache, rechtliche Rahmenbedingungen und institutionelle Verfahren zentrale Herausforderungen beim Ankommen darstellen. Gleichzeitig wurde hervorgehoben, dass Erfahrungen von Migration nicht einheitlich sind, sondern von individuellen Voraussetzungen und strukturellen Bedingungen abhängen.
Das Aufenthaltsgesetz (AufenthG) regelt Aufenthaltstitel, Familiennachzug, Zugang zum Arbeitsmarkt und Aufenthaltsverfestigung. Die Studie „Geschlechtergerechtigkeit im Aufenthaltsrecht?” der Bundesstiftung Gleichstellung hat das Aufenthaltsgesetz explizit einem Gleichstellungs-Check unterzogen. Sie zeigt unter anderem Geschlechterwirkungen bei der Sicherung des Lebensunterhalts, bei Sorgearbeit, Gewaltschutz, Abhängigkeiten im Familiennachzug und bei aufenthaltsrechtlicher Eigenständigkeit.
Eindrücke der Veranstaltung
- Rechte: Bundesstiftung Gleichstellung
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